Sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger,
Verehrte Jurymitglieder
Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
Lieber Udo Holtkamp,

zunächst bringe ich Ihnen Grüße aus dem Umweltbundesamt, auch von unserem Präsidenten, der Sie zur 4. Vergabe Ihres erfolgreichen„Recycling-Kunstpreises“ herzlich beglückwünscht.

„Der verborgene Sinn weggeworfener Dinge“ ist das schöne Motto Ihres Kunstpreises. Gestatten Sie mir einige grundsätzliche Gedanken dazu bevor ich zur Ehrung der ausgezeichneten Werke komme:

Der Stoff aus dem diese Kunst gemacht ist, sind Gebrauchsgegenstände und Materialien in verschiedensten Stadien der Abnutzung, der natürlichen Verwitterung und der künstlichen Umwandlung. Wir begegnen hier der verdrängten Seite des Konsums, dem so genannten Abfall. Diese Dinge sind aus ihrem primären Gebrauchskontext, aus dem Nützlichkeitskreislauf heraus in die Nutzlosigkeit gefallen. Funktion, Interesse und Aufmerksamkeit der Menschen ist ihnen entzogen worden. Abfall ist ein Emblem für kulturelles Vergessen.

Die Kunst nun, die sich schon immer mit der Nutzlosigkeit verbündet hat, folgt einer anderen Ökonomie als die Wirtschaft und kann deshalb auch dem Abfall Aufmerksamkeit schenken. Indem diese Künstler Abfall, also das aus der Ökonomie Ausgeschlossene in ihre Arbeit einbeziehen, erreichen sie zweierlei. Sie bauen eine andere Ökonomie auf und zwingen den Betrachter den Blick auf das Ausgegrenzte zu richten. Diese Kunst macht etwas Unsichtbares sichtbar: die Strukturen kultureller Wert- und Unwertproduktion. Deutlich wird, dass wir darüber entscheiden, was erhalten wird und was verschwinden soll. Wir können die Grenze zwischen Wert und Dauer einerseits und Vergehen andererseits verschieben!

Mit ihrem Kubus aus Schränken z.B., nehmen Jochen Mura, Carolin Bayer und Jens Bouwaers eine sehr aufschlussreiche Umkehr üblicher Wertigkeit vor. Sie zeigen nur die ärmlichen Rückseiten der Möbel, die repräsentative Vorderseite bleibt im Innern der Installation verborgen.

Diese Ausstellung übernimmt temporär die Funktion des Museums oder Archivs als Gegenpol zur Deponie: Es wurde gesammelt, um Aufzuheben, Aufzuwerten, zu Konservieren, für die Nachwelt zu erhalten.

Fotographisch werden Fundorte verrosteter Getränkedosen festgehalten und Verwitterungsprozesse dokumentiert als würden die Arbeitsgänge und Arbeitsergebnisse künftiger Archäologen vorweggenommen.

Das Phänomen des Sammelns und Neustrukturierens selbst wird von verschiedenen Künstlern thematisiert als eine Art Trieb des Menschen, Bestandsaufnahmen von Vergangenem und Gegenwärtigem anzufertigen, von der aus sich persönliche und gesellschaftliche Weiterentwicklung vollziehen kann. Solche Sammlungen lassen sich auch als Versuche deuten, die Zeit anzuhalten, der unaufhaltsam verfließenden Lebenszeit Einhalt zu gebieten durch das Aufheben materieller Überreste, die wie Kostbarkeiten behandelt werden. Ein schönes Beispiel dafür ist die beeindruckende Rauminszenierung

„Portrait eines Sammlers und Jägers“ von Klaus-Dieter Braun sowie die preisgekrönte „Zettelsammlung“ von Hinrich Schmieta, auf die ich später noch einmal zu sprechen komme. Es gehört zum Sammeln wie zum Leben, dass Versuche Vollständigkeit zu erlangen von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Vielleicht ist gerade dies für Künstler der reizvollste Aspekt des Sammelthemas: Unfertigkeit, die prinzipielle Offenheit für Ergänzungen, Fortsetzung und Neustrukturierung.

Mehrere der hier gezeigten Arbeiten erinnern an eine inzwischen verschwundene Industriekultur, z.B. die „Formen der Stille“ von Dietmar Lehmann, eine Installation aus Holzformteilen von der Weserwerft in Minden oder Christian Kowalewskys Arbeit „Kochs Adler“, die dem vor 30 Jahren abgerissenen Nähmaschinenwerk in Bielefeld gewidmet ist.

Beim Gang durch dieses alte Haus mit den Kunstwerken dieses Wettbewerbs ist ganz unmittelbar zu erleben, wie sich in den gebrauchten Dingen, die hier Eingang gefunden haben, menschliche Lebensgeschichte und Lebensgeschichten verdichten. Was isoliert betrachtet als verstreuter und beziehungsloser Ramsch erscheinen mag – vom Meer angeschwemmte zerschlissene Schuhsohlen z.B. oder alte Schallplatten - wird in der künstlerischen Umwandlung zum geheimnisvollen Wissenskosmos und Erinnerungsträger: Die Schuhsohlen, von Sven Rünger und Ebi de Bort in der Arbeit „Soles“ gereiht und zu einem großen Wandbild zusammengestellt, werden zu Seelenabbildern und Frank Terwey entwickelt aus den nachgelassenen Schallplatten eine „Ahnengalerie des Rock´n Roll“.

 

Meine Damen und Herren,

was mich hier vor allem und überall - besonders auch bei den Schülerarbeiten - erfreut, ist die spielerischen Haltung, die Lust am Zweckentfremden und kreativen Neuerfinden von „Nutzungen“ für Gebrauchtes. Die, meine ich, sollte „abfärben“ auf uns Produzenten und Verbraucher von Konsumgütern.

Ich komme nun zunächst zur Würdigung der Schülerarbeiten, die im oberen Stockwerk versammelt sind. Dies sind alle eingereichten Arbeiten dieser Kategorie, weil die Jury sie in ihrer engagierten und kreativen Breite der Öffentlichkeit zugänglich machen will.

Der 1. Preis der Schülerinnen und Schüler geht in diesem Jahr an die Klasse 8 d der Gesamtschule Brackwede aus Bielefeld für ihr appetitliches und witziges Buffet „Es ist angerichtet“. Jedes einzelne der aufgetischten Gerichte von der „Eis-Bombe“, über den „Bauern-Eintopf“, den „Kopf-Salat“, den „Auflauf“ bis zum bitterbösen „Baby-Brei“ ist ein wortspielerisches und gestalterisches Spitzenprodukt, das – so ist zu hoffen - auch die Aufmerksamkeit der Betrachter schärfen wird, für manch anderes Ungesunde, das wir so zu uns nehmen. Das gesamte hier angebotene Menue ist ein wunderbares Beispiel für ein gelungenes Gemeinschaftsprojekt, bei dem sicher auch engagierte Lehrkräften zündende Impulse gesetzt haben.

Den 2. Preis erhalten die Schülerinnen der 10 a des Rudolf-Brandes-Gymnasiums in Bad Salzuflen für ihre Arbeiten „Strahlenumleitung“, „Auf den Hosenboden setzen“ und „Krieg der Socken“. Diese raumgreifenden Objekte sind bemerkenswert freie, offensive Neu-Interpretationen alltäglicher Gebrauchsgegenstände, die sich als phantasievolle Vorschläge zu Klimaschutz und ökologischer Lebensweise interpretieren lassen.

Schülerinnen und Schüler des Herforder Anna-Siemsen- Berufskollegs erhalten den 3. Preis dieser Kategorie für ihre Beiträge zum „Archiv der Welten“. Diese Sammlung gestalteter Kartons ermöglicht einen eindrucksvollen Blick in äußere und innere Lebenswelten der Jugendlichen, in ihre widersprüchlichen Erlebnisse und Gefühle, ihre Erinnerungen und Träume. “Sein und Wirklichkeit“, “Meine Computerwelt“, „Mein Abenteuerland“, „Mein Gefühlschaos“, „Meine Launenwelt“, oder „Mein Platz im Leben“ sind beispielhafte Titel, die die jungen Künstler ihren nachdenklichen und ernsthaften Arbeiten gegeben haben.

Ich komme nun zur Ehrung der Künstlerinnen und Künstler dieses Wettbewerbs.

 
Der 1. Preis geht an Wolfgang Brenner aus Borchen für seine Installation „Highway“. Sie besteht aus zwei Dia-Projektoren aus den 40iger und 50iger Jahren des vorigen Jahrhunderts und vier Dias von einer USA-Reise des Künstlers. Sie wurden nachträglich einem künstlichen Alterungsprozess unterworfen. Das Thema dieser Arbeit ist die Vergänglichkeit von Leistungen und Produkten des Menschen, und letztlich die seiner selbst sowie Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Natur.

 
Karin Besser s Arbeit „Fenster beflügeln“ hat die Jury den 2. Preis zuerkannt. Zwischen zwei sehr alte Fensterflügel hat die Künstlerin einen zum Teil schon getrübten Spiegel montiert. Die Glasflächen überlagern sich, können aber auch auseinander geklappt und bewegt werden. Als Gegenwarts-Relikte wurden aus Zeitungspapier geschnittene, winzige Figuren sowie Text- und Bildfragmente auf die Scheiben geklebt. So entsteht ein veränderbares transparentes Mit- und Übereinander alter und neuer Strukturen, in dessen Mittelpunkt immer das Spiegelbild des Betrachters erscheint.

 

Den 3. Preis erhält Hinrich Schmieta für „standalone“, seine Zettelsammlung, von der vorhin bereits kurz die Rede war. Diese Zettel, die der Künstler an öffentlichen und privaten Orten gefunden hat, können als Datensammlung am Bildschirm gelesen werden. In Ordnern sind Original-Zettel gesammelt, die noch nicht digitalisiert wurden. Diese fragmentarischen Lebensäußerungen sind uns allen als kleinstformatige Erinnerungsstützen, Kurzmitteilungen oder knappe Gefühlsäußerungen bekannt. In der Zusammenstellung werden sie zu Zeichen, die auf Geschichten verweisen und – wie Schmieta selbst formuliert – „den Betrachtenden schmale Einblicke in private Kosmen gewähren“.

Allen Preisträgern herzliche Glückwünsche, die ihr weiteres Schaffen beflügeln mögen.

 

Meine Damen und Herren,

ein weiteres Mal hat sich in der künstlerischen Resonanz auf den Herforder Recycling Kunstpreis eine Erfahrung bestätigt, die wir im Umweltbundesamt in der Zusammenarbeit mit Kunstschaffenden bereits seit Jahrzehnten machen: Künstler können Ideen, Visionen und existenzielle Erfahrungen in universell verständlicher Sprache, in Symbolen, Ritualen, Zeichen und Bildern sinnlich ausdrücken und kommunizieren. Dieses Vermögen ist unerlässlich für die gesellschaftlichen Verständigungsprozesse über Zukunftsfähigkeit und nachhaltige Entwicklung. Die Umsetzung dieses Leitbildes- orientiert an Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft, an weltweiter sozialer, ökonomischer und ökologischer Gerechtigkeit sowie Vorsorge für die kommenden Generationen – bedeutet tief greifenden Wandel von Lebens- und Wertvorstellungen von Traditionen und Konsumgewohnheiten. Künstler sind Experten des Perspektivwechsels, des unkonventionellen Denkens, der Offenheit, Kreativität, Vielfalt und des Quer-Handelns. Sie sind unsere unbequemen Verbündeten und Wegweiser auf dem Weg zur notwendigen Veränderung kultureller Muster.

In diesem Sinne ist es mir eine große Freude, dass Sie uns zu dieser Preisverleihung hier in Herford eingeladen haben. Vielen Dank.

 

Martha Hölters-Freier

Kunstbeauftrage des Umweltbundesamtes