„Der verborgene Sinn weggeworfener Dinge”
Der 3. Herforder Recycling-Kunstpreis 2003
Beitrag von Dr. Birgit Schulte, Karl Ernst Osthaus-Museum Hagen,
zur Preisverleihung und Ausstellungseröffnung am 27.6.2003 im Museum MARTa
Sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger,
sehr geehrte Frau
Curländer,
sehr geehrter Hausherr Jan Hoet,
liebe Jurymitglieder,
meine
sehr geehrten Damen und Herren,
bevor wir Ihnen die Preisträgerinnen und
Preisträger des dritten Herforder Recycling-Kunstpreises und ihre Arbeiten
bekannt machen, möchte ich zur Einstimmung eine knappe, gezielt
ausgewählte Chronologie zu Kunst, Müll und Recycling skizzieren:
Ein Dreiviertel-Jahrhundert, also 75 Jahre ist es her, dass der
deutsche Avantgarde-Künstler Kurt Schwitters (1887-1948) in trotzigem
Tonfall die künstlerische Tradition in Frage stellte: „Ich sah nämlich
den Grund nicht ein, weshalb man die alten Führerscheine, angespülten
Hölzer, Garderobennummern, Drähte und Radteile, Knöpfe und altes
Gerümpel der Bodenkammern und Müllhaufen nicht ebenso als Material für
Gemälde verwenden sollte ... .“ (Kurt Schwitters: Merz. 20. Katalog,
1927)
Fünfzig Jahre ist es her, dass der eigenwillige französische Künstler
Jean Dubuffet (1901-1985) seine figürlichen Plastiken mit folgenden
Worten beschrieb: „Die erste der Statuen entstand aus Zeitungspapier,
das mit Leim getränkt und um eine Armatur gewickelt wurde. Die zweite
bestand aus Stahlwolle, wie Hausfrauen sie benutzen, um Töpfe und
Pfannen auszuscheuern. Die dritte verwendete Bruchstücke verbrannter
Automobile, die ich in der Garage fand, in der ich meinen Wagen parkte.
Die folgenden entstanden aus zerbrochenen Klinken, mit Zement
zusammengehalten.“ (Jean Dubuffet: Memoire on the Development of my
Work from 1952, in: Peter Seltz: The Work of Jean Dubuffet, New York
1962, S. 87, S. 89f) Soweit Dubuffet zu seinem Umgang mit weggeworfenen
Dingen, vor einem halben Jahrhundert und doch höchst aktuell.
Ein gutes Jahrzehnt ist es her, seit die Weltkonferenz der Vereinten
Nationen in Rio de Janeiro, auf ihrem so genannten Umweltgipfel 1992
das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung zum zentralen
umweltpolitischen Konzept erhoben hat. Und vier Jahre ist es jetzt her,
dass zum ersten Mal – nämlich im Jahr 1999 –, angestoßen von Susanne
Albrecht, der erste Herforder Recycling-Kunstpreis vergeben wurde.
Ich finde, dass Schwitters und Dubuffet, die auf dem Umweltgipfel
beschlossene Agenda 21 und der Herforder Recyclingkunstpreis sehr viel
miteinander zu tun haben. Die Recycling-Kunst fußt, wie die zitierten
Beispiele zeigen, auf einer bedeutenden künstlerischen Tradition des
20. Jahrhunderts, sie ist – im Hinblick auf die Agenda 21 politisch und
gesellschaftlich relevant und weist in die Zukunft, und sie gibt
scheinbar vergangenen Dingen eine Gegenwart – siehe unsere heutige
Ausstellung.
Zwei andere Dinge finden ebenfalls zusammen: unsere Wegwerfgesellschaft
und das Museum. Unsere Industriegesellschaft lässt sich durch einen
rasanten technischen Wandel und den daraus resultierenden hohen
Verschleiß von Objekten charakterisieren. In der Regel werden die
ausgemusterten Dinge, die scheinbar ihren Wert verloren haben,
gesammelt: nämlich auf Müllhalden. Auf der anderen Seite gibt es
Institutionen, die eine bestimmte Kategorie von Objekten sammeln und
erhalten: nämlich die Museen. Recycling-Kunst bringt beides zusammen:
den Müll und das Museum.
In Museen finden wir heute zahlreiche Dinge, denen das Schicksal der
Müllhalde erspart blieb, weil Künstler und Künstlerinnen sich ihrer
annahmen. Angefangen bei den zitierten Kurt Schwitters und Jean
Dubuffet, Pablo Picasso und Meret Oppenheim, Robert Rauschenberg und
John Chamberlain, Jean Tinguely und Joseph Beuys, bis hin zu Ilja
Kabakov, Dui Seid, dem Duo Winter/Hörbelt oder Nana Petzet und vielen
anderen. Die Begriffe, die auf die Werke dieser Kategorie angewendet
werden, lauten beispielsweise: Objet trouvé, Assemblage, Combine
Painting, Décollage, oder allumfassend Objektkunst und Installation.
Werke aus allen diesen Kategorien haben auch die zahlreichen
Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Ostwestfalen-Lippe beim 3. Herforder
Recycling-Kunstpreis 2003 eingereicht. 64 Künstlerinnen und Künstler
sowie 13 Schulklassen beziehungsweise einzelne Schülerinnen und Schüler
hatten im Mai ihre Beiträge in einem verlassenen Geschäft, der
ehemaligen ‚Sportecke‘ in der Herforder Fußgängerzone, aufgebaut zu
einem lebendigen Kunstparcours. Durch diesen ausgesprochen spannenden
und abwechslungsreichen Parcours hat sich am Mittwoch, den 14. Mai, die
7-köpfige Jury hindurch gearbeitet. Aufgabe der Jury war es einerseits,
aus den – im übrigen anonymisierten – Beiträgen die Werke für die
Ausstellung auszuwählen und andererseits, die Preisträgerinnen und
Preisträger zu küren. Die Aufgabe war nicht einfach, denn es gab viele
überzeugende Arbeiten. Daher entschloss sich die Jury, neben der
Benennung der Preisträgerinnen bzw. Preisträger der Sparte A noch zwei
Anerkennungen auszusprechen. Insgesamt 18 künstlerische Arbeiten wurden
für die Ausstellungspräsentation ausgesucht.
Noch schwieriger gestaltete sich die Auswahl bei den Arbeiten der
Schülerinnen und Schüler. Daher kam die Jury zu dem Entschluss, nicht
nur die preisgekrönten, sondern alle Werke dieser Gruppe in die
Ausstellung aufzunehmen. Anmerken möchte ich übrigens, dass alle
Entscheidungen einstimmig getroffen wurden, sich die Jury also in ihren
Bewertungen sehr einig war.
DIE PREISE IN DER SPARTE B: Schüler/innen bzw. Schulklassen3. Preis: 10 Schülerinnen und Schüler der Gestaltungs-AG der 9. und 10. Klasse der Realschule Enger : Lampendesign
Außergewöhnliche Leuchtkörper haben die Schülerinnen und Schüler
gestaltet, in den verschiedensten Varianten. Eine gigantische
Zigarette, poppig bemalte Kondome und Cola-Dosen, Würfel und Muschel
und ein sanfter Engel – all dies aus Draht, Papp- und Papiermaché
gestaltet und mit kleinen Lämpchen dekoriert. Dekorlampen haben derzeit
Hochkonjunktur – Sie kennen sicher die matt leuchtenden Bären und Gänse
in den Fenstern der Wohnhäuser und auch stimmungsvolle Lichterketten -,
doch diese speziellen Varianten aus Altpapier gibt es nur als Unikate.
2. Preis: Klasse 11 des Lüttfeld-Berufskollegs, Lemgo : Light my fire
Die Klasse hat aus Fundstücken zehn höchst unterschiedliche Objekte
gebaut und diese parallel in zehn farbintensive Bildkompositionen
übertragen. Die Objekte werden uns also sowohl zwei- als auch
dreidimensional vorgeführt und auf den Bildern zusätzlich in einen
speziellen Kontext eingebettet. So sehen wir beispielsweise im Original
einen Regenschirm, der mit Ansichtskarten bestückt ist, im Bild wird
das Ensemble ergänzt durch weitere Briefe und Schreibutensilien. Durch
die Übertragung in das Bild wird eine zweite, gesteigerte Aufwertung
des Abfallmaterials bewusst gemacht.
1. Preis: Schülerin Theresa Klostermeyer, Klasse 13 vom Ratsgymnasium Minden: „Knistersammlung des Wilhelm Alois Franke“
Hier wird der Mensch als Sammler mit ganz eigenen Vorlieben beschworen,
der dem Abfall durch Sammlung, Neuordnung und Dokumentation neuen Sinn
gibt. In die Knisterfolien, die sorgsam in einzelne Schächtelchen
verpackt sind, ist sozusagen die persönliche Erinnerung des Großvaters
eingefaltet – an Orte, an Erlebnisse, an Menschen, an Stimmungen. Das
akustische Phänomen, die Option des Knisterns, wird als zusätzliche,
zweite Ebene eingeführt. Die Lust am Material, an der sinnlichen
Erfahrung wird in dieser „Knistersammlung“ präsent, die einen hohen
poetischen Reiz besitzt.
Die Preise in der Sparte Künstlerinnen und Künstler
Zunächst zwei Anerkennungen:
- Tina Paschetag, Bielefeld: Rauminstallation und Video Junkconstruction
In dieser Installation werden wir mit einer tristen, deprimierenden
Atmosphäre konfrontiert. Auf schmutzig-grauen Linoleumfliesen liegen
und stehen verschiedene Einrichtungsgegenstände und weggeworfene Dinge
herum: ein Stuhl, eine Schreibtischlampe, ein zerstörtes Bild. Im
Abfall entdecken wir benutzte Fixerspritzen. Das Video erhellt den
Kontext: die Dinge stammen aus einem leerstehenden Gebäude, das als
Drogentreff diente. In den Spritzen begegnet uns eine besonders
tragische Kategorie von Zivilationsmüll. Diese abstoßende
Hinterlassenschaft steht für tragische, gescheiterte Existenzen.
- Esther Burger, Gütersloh: Silikon-Wohnzimmer
Ein aus dem Sperrmüll gerettetes Wohnzimmer wird konserviert: von einer
transparenten Silicon-Schicht überzogen, überdauert es die Zeiten –
konserviert wie der geschichtsträchtige Ötzi aus dem Eis. Das Zimmer
zeugt von dem Leben, das sich in ihm abgespielt hat und dokumentiert
das die Zeiten überdauernde menschliche Bedürfnis nach Heim und
Wohnlichkeit. Es zeugt von dem Geschmack seiner Bewohner und zeigt
dadurch auch die Vergänglichkeit von Geschmack bzw. Design. Heute
empfinden wir es als Spießigkeit in Aspik.
3. Preis: Gabriele Undine Meyer, Bielefeld: „Kinderzimmer“,
Installation aus Fotos auf Schlagmetall auf Holz und Kinderstühlen mit
Schultafellack
Gabriele Undine Meyer werden diejenigen kennen, die die Geschichte des
Preises verfolgt haben: die Künstlerin war die Preisträgerin des 1.
Recycling Preises 1999, den sie für ihre Arbeit „Recall No. 2“ erhielt.
Wie damals, basiert ihre diesjährige Installation auf alten Fotografien
aus privaten Fotoalben. Das „Kinderzimmer“ ruft einen Lebensabschnitt
auf, der die Vergangenheit eines jeden Erwachsenen bezeichnet: die
Kindheit tritt vor Augen in Gestalt von Kinderportraits, die auf
goldglänzende Holzkistchen aufgebracht und gleichmäßig auf niedriger
Kinder-Augenhöhe an der Wand aufgereiht wurden. Die schemenhaften
Physiognomien rahmen ein Ensemble aus Kinderstühlen, alle mit schwarzem
Tafellack überzogen, ohne erkennbare Ordnung, einige umgestürzt. Die
melancholische Inszenierung beschwört Erinnerungen an rigide Erziehung
und aufmüpfigen Protest in der Kindheit und die damit verbundenen,
starken Gefühle aus der unwiederholbaren, prägenden persönlichen
Vergangenheit.
2. Preis: Petra Müller (im Atelierteam „KUNSTKOMMT!“, mit Michelle Adolfs), Paderborn: „Dingwelt“, Internet-Tauschbörse
Petra Müller hat mit „Dingwelt“ ein Internet-Kunstprojekt im Sinne
einer Tauschbörse initiiert. Doch werden in diesem virtuellen
Aktions-Forum nicht übliche Waren oder Dienstleistungen offeriert.
Unter www.dingwelt.de können Sie Alle ab dem 4. Quartal 2003 einen
gebrauchten Gegenstand aus Ihrem Besitz anbieten, ein ausrangiertes
Ding mit Geschichte. Diese Geschichte muss Bestandteil Ihres
Tauschangebotes werden. Im Gegenzug gibt es einen signierten, digitalen
Fotoprint. Das erste Angebot der Künstlerin können Sie hier in der
Ausstellung in Augenschein nehmen: den Plüschhasen „Mümmy,
ungewaschen“, aus der Abteilung ‚Spielzeug‘. Petra Müller katalogisiert
alle Tauschvorgänge des einjährigen Prozesses, im Hinblick auf eine
Dokumentation. Darin wird dann festgehalten, welche Beziehungen
zwischen Gegenständen, Menschen, Geschichten und Werten die
Dingwelt-Internet-Tauschbörse initiiert hat, und es werden die
materiellen und ideellen Wertzuschreibungen sichtbar, die durch den
Tauschprozess generiert werden.
1. Preis: Siegfried Laffin, Kalletal: „Neon Skript: Alpha & Omega“, Installation aus Neon-Werbe-Buchstaben
Zum ersten Mal seit der Preisvergabe 1999 ist ein männlicher Künstler
der erste Preisträger. Siegfried Laffins Installation aus ausgedienten
Werbe-Leucht-Buchstaben mit dem Titel „Neon-Script: Alpha & Omega“
können wir als überdimensioniertes Scrabble begreifen. Es hat insofern
Spielwert, als es unzählige Optionen eröffnet. Immer neue
Wortschöpfungen sind denkbar und umsetzbar, und mit jedem neu
gefundenen Wort ändert die Installation aus roten, blauen, schwarzen
und weißen Leucht-Lettern ihre Gestalt. Sie kann auf dem Boden
ausgebreitet oder gestapelt werden, dehnt sich in die Höhe, die Breite
oder die Tiefe aus. Sprache wird hier sinnlich erfahrbar, anschaulich
gemacht und als etwas Wandelbares gezeigt. In der aktuellen Kombination
sind zwei Buchstaben aufgerichtet und erleuchtet: A und O, Alpha &
Omega – auf der symbolischen Ebene der Anfang und das Ende. Zwischen
diesen beiden Polen kann sich alles entfalten – und genau diese
Möglichkeit birgt auch die Aufforderung zum Weiterdenken hinsichtlich
sinnreicher Begriffs-Neukombinationen.
Noch einmal zusammenfassend: eine herzliche Gratulation an alle
Preisträgerinnen und Preisträger und ein ebenso herzliches Dankeschön
an alle anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Ihre Lösungen für die
Aufbereitung von Müll zeigen uns „den verborgenen Sinn weggeworfener
Dinge“. Sie alle haben Prozesse in Gang gesetzt, die durch die
sensible, künstlerische, sinnliche, ästhetische Wahrnehmung eine
Wertschöpfung bewirken. Das ist eine wunderbare Verknüpfung von Kunst
und Leben.
© Birgit Schulte
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